110: Dr. Wick über neue Erkenntnisse und therapeutische Erfolge bei Long Covid und ME/CFS

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In diesem Text liest du die wichtigsten Informationen aus der Podcast-Episode 110.

Bei ME/CFS und Long Covid handelt es sich um komplexe Krankheitsbilder, die meist durch einen letzten Auslöser ins Rollen gebracht werden.

Solch ein ätiologischer Faktor wie eine Infektion oder Exposition gegenüber Fremdkörpern kann eine Kette von krankheits-verursachenden Mechanismen auslösen. Man spricht hier von Pathomechanismen.

Diese Prozesse sind vielschichtig und komplex, weshalb es häufig schwierig ist, eine klare Ursache-Wirkung-Beziehung herzustellen.

Ein bekannter Auslöser ist die Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus. Auch Impfungen gegen COVID-19 können ähnliche Mechanismen in Gang setzen. Aber auch andere Virusinfektionen, bakterielle Infektionen oder Umweltfaktoren wie Toxine können diese Pathomechanismen anstoßen. 

Die acht wesentlichen Pathomechanismen bei ME/CFS und Long Covid

Es existieren acht typische Pathomechanismen, die bei der Entwicklung von ME/CFS und Long Covid eine Rolle spielen. Diese Mechanismen sind miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig:

  1. Blutgerinnung
  2. Neuroimmunologische Prozesse
  3. Autoimmunologie
  4. Allergien
  5. Entzündungen
  6. Infektiologie 
  7. Dysreguliertes Hormonsystem
  8. Dysregulierter Stoffwechsel

Die Mechanismen bzw. Fehlregulationen in diesen Mechanismen sind vergleichbar mit Dominosteinen, die nacheinander umfallen und eine Reihe von Reaktionen auslösen. Die Wirkung eines Mechanismus kann die Ursache für einen weiteren Prozess sein.

Im Gegensatz zu umfallenden Dominosteinen können manche “Steine” aber wieder durch bestimmte Behandlungen aufgerichtet werden, ähnlich wie ein Steh-Auf-Männchen. Durch solche Behandlungen hat man zwar nicht die Ursache für die Pathomechanismen behoben, aber zumindest symptomatisch behandelt. 

In der Behandlung ist es sinnvoll, diese Mechanismen individuell für die Patienten auf einem Blatt grafisch darzustellen und miteinander zu verbinden. Eine Beispiel-Grafik findest du unten.

Über solche Verbildlichungen hast du das große Bild der multisystemischen Erkrankung vor Augen und kannst mit deinen Ärzten und Therapeuten strukturiert und strategisch in der Therapie vorgehen. 

Dr. Wicks Strategie besteht nun darin, die einzelnen medizinischen Baustellen (Pathomechanismen) von hinten nach vorne zu behandeln. Also bildlich die Dominosteine von hinten nach vorne wieder aufstellen. 

Zwei Auffälligkeiten bei Long Covid und Postvac

In vielen Tests im Wick-Labor haben sich zwei dieser umgefallenen Dominosteine als besonders häufig gezeigt:

  1. Mikrothromben bzw. Mikroaggregate (Blutgerinnung): Diese kleinen Blutgerinnsel blockieren die feinen Blutkapillaren und führen zu einer gestörten Sauerstoffversorgung. Die kleinen Mikro-Thromben stellen Hindernisse im Blutkreislauf dar.
  2. Infektionen und Chronische Reaktion auf das Epstein-Barr-Virus (EBV): Viele Patienten erfahren eine anhaltende Aktivierung des Immunsystems, oft als Reaktion auf frühere EBV-Infektionen oder anderer Viren. Das resultiert in anhaltender Entzündung und weiteren Gesundheitsproblemen.

Diese beiden Blockaden sind Schlüsselaspekte, die viele andere Mechanismen in Bewegung setzen und verstärken.

In diesem Text  geht es um die Mikrothromben/Mikroaggregate. Im Folgegespräch in Episode 112 wird es um die Infektionen und das Immunsystem gehen. 

Hypothese: Sauerstoffmangel als treibende Kraft der Pathomechanismen

Eine zentrale Hypothese zu ME/CFS und Long Covid betrifft den Sauerstoffmangel. 

Durch Kapillarverstopfungen und die Bildung von Mikrothromben ist der Sauerstofftransport zu den Zellen, vor allem zu den Mitochondrien, erheblich beeinträchtigt.

Dadurch entsteht ein Mangel an Energie, da die Mitochondrien nicht ausreichend ATP (Adenosintriphosphat) produzieren können.

ATP ist der Hauptenergiespeicher der Zellen und für nahezu alle zellulären Prozesse essenziell. Bei unzureichender ATP-Produktion treten generelle Erschöpfungszustände und diverse weitere Symptome auf. Der Sauerstoffmangel verstärkt zudem die Bildung von Milchsäure, was zu muskelkaterähnlichen Schmerzen führt.

Lass uns die Mitochondrien noch etwas genauer anschauen. 

Über Mitochondrienfunktion und -probleme bei CFS und Long Covid

Mitochondrien spielen eine entscheidende Rolle in der Energiegewinnung. Sie wandeln Nährstoffe in ATP um, das als Energiewährung der Zellen fungiert. 

Jede Zelle besitzt einige hundert dieser kleinen Kraftwerke.

Bei einer klassischen Mitochondriopathie sind die Mitochondrien beschädigt. Ähnlich wie eine defekte Produktionsmaschine. Auch wenn man ihr alle notwendigen Rohstoffe (wie z.B. Draht) zuführt, kann sie daraus kein Produkt (wie z.B. eine Klammer) produzieren. Weil sie eben kaputt ist.

Bei den hier genannten Fatigue-Erkrankungen sind jedoch die Mitochondrien meist intakt. Aber sie können nichts “produzieren”, weil sie nicht ausreichend mit den notwendigen Rohstoffen versorgt werden, sprich Sauerstoff und andere Nährstoffe aus dem Blut. 

Das wiederum führt u.a. zu: 

  • Eingeschränkte ATP-Produktion: Aufgrund von Sauerstoffmangel und anderer Nährstoffmängel können Mitochondrien nicht genug ATP erzeugen, was zu Energiemangel und typischen Symptomen führt.
  • Erschöpfung: Der Energiemangel führt zu ständiger Müdigkeit und extremer Erschöpfung.
  • Post-Exertional Malaise (PEM): Selbst minimale Anstrengungen verschlechtern die Symptome. Die Belastung ist erheblich eingeschränkt.
  • Erhöhter oxidativer Stress: Der geschwächte Energiestoffwechsel produziert vermehrt freie Radikale, die die Zellen schädigen.
  • Erhöhte Milchsäurebildung: Unter Sauerstoffmangel nutzt der Körper anaerobe Energiegewinnung, was zu mehr Milchsäure und Muskelkater führt.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Sauerstoffmangel kann auch das Gehirn beeinflussen und zu Konzentrationsstörungen, Gedächtnisproblemen und anderen kognitiven Einbußen führen.
  • Autonomes Nervensystem: Störungen im autonomen Nervensystem können zu Symptomen wie Herzrasen, Schwindel und Blutdruckschwankungen führen.

Aber nochmal zu dem Dominostein davor. 

Warum werden die Zellen und deren Mitochondrien nicht mit ausreichend Sauerstoff versorgt? Was verursacht den Sauerstoffmangel und die Problematik in den Mitochondrien?  

Das Problem findet sich, wie schon erwähnt, in den kleinen Blutgefäßen, den Kapillaren. 

Kapillarverstopfung und -entstehung

Eine anschauliche Analogie für die Problematik des Blutflusses ist der Vergleich mit Flüssen und Bächen. Normalerweise fließt Blut ungehindert durch die großen Blutgefäße bis zu den kleinen Kapillaren. Wie Wasser in einem Fluss, der sich in kleinere Flüsse und Bäche verzweigt. 

Und über das Blut werden wichtige Nährstoffe und Sauerstoffmoleküle an die Zellen geliefert..

Bei ME/CFS und Long Covid bilden sich jedoch Mikroaggregate, die wie Dämme wirken und den Blutfluss in den kleinen Blutgefäßen, den Kapillaren, blockieren. 

Wir kennen dies bereits vom Herzinfarkt, Schlaganfall oder Thrombosen. In diesen Fällen sind größere Gefäße nicht nur verengt, sondern verschlossen. 

Ähnlich ist es bei ME/CFS und LC, aber eben nur in den Kapillaren. Ein weiterer Unterschied ist, dass sich diese Verstopfungen besser auflösen lassen als bei einem vollständigen Thrombus. 

Man weiß noch wenig über die unsichtbare Kraft, die diese Staudämme baut, aber es lässt sich zumindest etwas über die Staudämme sagen: 

Die Blockade der kleinen Kapillaren besteht aus aktivierten Blutplättchen und anderen Zellbestandteilen wie Fibrin, die sich in kleine Kügelchen formieren und die Kapillaren blockieren. 

Am besten wäre es, wenn wir das Bauen dieser Staudämme/Mikroaggregate verhindern könnten. Das wäre die tatsächliche ursächliche Behandlung und DIE Lösung schlechthin.  Viele andere Pathomechanismen würden dann gar nicht erst entstehen.

Aber das ist nur zum kleinen Teil möglich. Und zwar, indem wir unbedingt darauf achten, nicht noch zusätzlich in einen Sauerstoffmangel zu geraten. 

Das passiert bei gesunden Personen dann, wenn sie im anaeroben Bereich trainieren bzw. übertrainieren. Wenn sie sich also extrem anstrengen und am nächsten Tag z.B. mit Muskelkater dafür bezahlen. 

Bei Long Covid, PostVac  und ME/CFS passiert dieses Übertraining schon bei kleineren Anstrengungen. Es kommt zur Post Exertional Malaise (PEM). Das führt dazu, dass ggf. schon durch das Treppensteigen ohne Pause oder andere eigentlich geringe Anstrengungen weitere Mikroaggregate gebildet werden. Und dass auch durch andere Mechanismen der Sauerstoff noch mehr eingeschränkt ist, z.B. durch die flache Atmung. 

Pacing und ein unbedingtes Einhalten der Belastungsgrenze ist also extrem wichtig.

Aber auch trotz Vorsicht können wir nicht verhindern, dass der Körper bei dieser chronischen Erkrankung Mikroaggregate bildet.

Also besteht der momentan zweitbeste Therapieschritt neben dem Pacing darin, diese kleinen Staudämme immer wieder aufzulösen. 

Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. In unserem Gespräch haben wir uns auf das konzentriert, was Dr Wick an Erfahrungswerten berichtet hat, sprich die Therapie mit Aspirin. 

Therapieerfolge mit Aspirin

Ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung ist die Verwendung von Aspirin in niedriger Dosierung (100 mg). Aspirin wirkt als Aggregationshemmer und kann Mikroaggregate auflösen. 

Aspirin hemmt z.B. die Bildung von Thromboxan A2, einem Stoff, der die Blutplättchenverklumpung fördert. Durch die Hemmung dieses Stoffs werden die Mikroaggregate reduziert, der Blutfluss verbessert und die Sauerstoffversorgung der Zellen erhöht.

Dr. Wick berichtet, dass Patienten durch die Aspirin-Versorgung bis zu 40% mehr Energie gewonnen und sich die Symptome deutlich verringert haben.  

Allerdings ist es wichtig, die Behandlung unbedingt mit einem Arzt oder Therapeuten anzugehen und beobachten zu lassen. 

Therapieerfolge mit Blutwäsche

Laut Dr. Wick hat eine HELP Apherese, die Blutwäsche, einen ähnlich positiven Effekt, nur wesentlich teurer. 

Sicherlich bewirkt die Blutwäsche noch mehr, aber eben auch das Ausschwemmen der kleinen Staudämme. Das Blut wird u.a. von Mikroaggregaten gereinigt und die Sauerstoffzufuhr verbessert. 

Aber auch hier wird das ursächliche Problem nicht gelöst, sondern nur die momentanen Symptome behandelt. Es kann also auch nach der Apherese zu weiteren Verstopfungen kommen. 

Trotzdem: die Patienten erleben erst einmal, und einige auch langfristig, spürbar mehr Energie.

Achtung: Neue Energie verantwortungsbewusst nutzen und für Selbstheilung und Immunsystem aufsparen

Es ist entscheidend, die gewonnene Energie nicht zu überlasten. Patienten sollten darauf achten, genug Kräfte für die Selbstheilung und das Immunsystem zu bewahren.

Übermäßige Belastung kann dagegen zu Rückschritten und Verschlechterung der Symptome führen. Eine behutsame und schrittweise Erhöhung der Aktivitäten ist auch bei vermehrter Energie unbedingt empfehlenswert.

Ein durchdachtes Energiemanagement ist überhaupt essenziell für den Umgang mit ME/CFS und Long Covid. 

Patienten sollten lernen, ihre Energie richtig einzuteilen und Pausen einzulegen, um Überlastung zu vermeiden. Ein ausbalanciertes Verhältnis von Aktivität und Ruhe ist entscheidend, um die Symptome zu kontrollieren und die Lebensqualität zu steigern.

Hier findest du weitere passenden Texte und Links zu dieser Thematik 

Hier kannst du das erwähnte Beispiel-Diagramm herunterladen. 

Hier gelangst du zum Wick-Labor und zur Labor-Beratung

Artikel: Das hochwirksame 30-Sekunden-Training bei Long Covid und ME/CFS auch als Podcast-Episode 

Artikel: Warum bin ich immer müde?

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