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Wie wir unseren Vagusnerv heilen können

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Der Vagusnerv spielt bei ME/CFS eine entscheidende Rolle, wenn es um unsere Gesundheit geht. Wie in dem Artikel über die Funktion des Vagusnerven erklärt, scheint dieser wichtige Nerv bei der ME/CFS Erkrankung gestört zu sein. Durch diese Störung dieses parasympathischen Nerven kommt es zu vielen Fehlfunktionen im Körper. Kein Wunder, dass wir als CFS Betroffene solch eine intensive Liste an Beschwerden haben.

In diesem Artikel liest du über die verschiedenen Maßnahmen, die schon vielen anderen Betroffenen geholfen haben, ihr Nervensystem zu beruhigen und die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Denn nur wenn der Vagusnerv richtig funktioniert, kann sich unser Körper heilen.

Dr. Joe Dispenza erklärt in seinem Buch „Du bist das Placebo“, dass ein Verständnis der inneren Vorgänge sehr zum Gesund-Werden beiträgt. Wenn wir verstehen, warum etwas passiert und warum wir bestimmte Dinge tun sollen, dann wird dadurch das was und wie verstärkt und der Selbstheilungsprozess aktiviert. Deshalb lade ich dich ein, dass du zuerst den Artikel darüber liest, welche wichtige Rolle der Vagusnerv bei einer CFS Erkrankung spielt.

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Der defekte Vagusnerv ist wie eine Sicherung

Dr. Jacob Teitelbaum vergleicht in seinem Buch „From Fatigue to Fantastic“ die Schädigung im Gehirn mit einer Sicherung, die rausgesprungen ist. Ein passender Vergleich.

Vor einiger Zeit sprang bei uns auch die Sicherung raus. Plötzlich war es dunkel in allen Zimmern. Und jedesmal, wenn ich die Sicherung wieder einsteckte, sprang sie wieder raus. Bis ich den Schurken fand: Eine defekte Dreier-Steckdose.

Allerdings war es immer noch dunkel, obwohl ich doch die Dreier-Steckdose entfernt hatte.

Natürlich – ich musste ja auch jetzt noch mal die Sicherung einstecken. Dann funktionierte alles wieder normal.

Ähnliches scheint bei der CFS Erkrankung abzulaufen.

Durch zu viel Spannung im System (Infekte, Krankheiten, Stressfaktoren, …) ist auf einmal alles Dunkel. Die Sicherung im Gehirn ist rausgesprungen, das Nervensystem funktioniert nicht mehr korrekt.

Zwei Dinge sind jetzt wichtig:

  1. Erstens müssen die Auslöser eliminiert oder zumindest reduziert werden (Kategorie 1).
  2. Zweitens müssen wir die Sicherung wieder einstecken, also das Nervensystem zum korrekten Funktionieren bringen (Kategorie 2 und 3).

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Erste Kategorie:

Körperliche Fehlfunktionen und Stress-Auslöser reduzieren

Ja, das Reparieren braucht wahrscheinlich Zeit. Und Ausprobieren. Handwerken an verschiedenen Stellen. Denn meistens arbeiten bei einer längeren CFS Erkrankung schon so einige Organe oder Vorgänge nicht mehr richtig, wie

  • die Blutzuckerregulierung. Der Blutzucker sinkt bei einem hypoglykämischen Schock unangemessen stark ab und führt z.B. zu Krämpfen, Schwitzen oder gar Bewusstlosigkeit. 
  • der Stoffwechsel. Dadurch entstehender oxidativer Stress führt zu Schädigungen an den Zellen.
  • Darm und Verdauung. Weil der Körper nicht mehr richtig entgiftet und der Darm in vielen Fällen undicht ist, bleiben zu viele Giftstoffe im Körper und es kommt zum toxischen Stress.
  • der Hormonspiegel. Ungenügend produzierte Hormone führen zu Stress, Schilddrüsenunterfunktion oder Depressionen.

Wenn du einige Gesundheitsbücher gelesen hast, wirst du mit der Zeit einige Basis-Maßnahmen feststellen, die grundsätzlich für eine Gesundheit wichtig sind. Diese Schritte sind auch bei ME/CFS Grundvoraussetzung, um schon mal ein Fundament für das Gesundwerden zu legen.

Diese Maßnahmen werden auf jeden Fall helfen, die Belastungen in den o.g. Bereichen zumindest zu reduzieren. Da es in diesem Artikel hauptsächlich um die zweite und dritte Kategorie geht, stelle ich hier nur die wichtigsten grundsätzlichen Maßnahmen vor.

1. Die passende gesunde Ernährung

Die beste und wichtigste Medizin für unseren Körper sind Lebensmittel. Und zwar wirkliche Mittel, die Leben vermitteln, eben Lebens-Mittel. Leider bietet der Supermarkt viel zu viele Todesmittel an. Mittel, die unseren Körper schädigen und Zellen abtöten anstatt zu beleben.

Durch wirkliche (und für CFS ausgesuchte) Lebensmittel kann der Blutzuckerspiegel wieder reguliert werden, der Darm wird saniert, der Stoffwechsel kann sich erholen. Das Gehirn kann wieder gesunde Signale vom Darm (über den Vagusnerv) erhalten. Der Kreislauf schließt sich wieder.

Nun gibt es zum Thema Ernährung viele Meinungen, Methoden und Maßnahmen. Lass mich an dieser Stelle nur die wichtigsten nennen.

Todesmittel vermeiden: Industriezucker, verarbeitete Lebensmittel, Weißmehl. Bei CFS am besten auch Aufputschmittel wie Kaffee und Alkohol weglassen.

Lebensmittel maximieren: Viel Gemüse, Nüsse, Samen, Kräuter und gesunde Fette. Um den Blutzucker besser zu regulieren, wird bei CFS eine ketogene oder zumindest Kohlenhydrat arme Ernährung empfohlen, also nur wenig Obst und andere Kohlenhydrate.

2. Einige wichtige Nahrungsergänzungsmittel

Wir alle haben wahrscheinlich ein Defizit an bestimmten Mikronährstoffen. Schon alleine deshalb, weil viel Obst und Gemüse wegen der chemischen und überlasteten Züchtungen heute weniger Vitamine und Nährstoffe enthalten als früher. Am besten ist, beim Arzt die Palette an Vitaminen und Mikronährstoffen testen zu lassen. Und zumindest einige Ergänzungen zu nehmen wie Vitamin D, Vitamin B12 und Omega 3.

Wichtig: All meine Empfehlungen bitte nur als Sprungbrett verstehen, um in diese Richtung selbst mehr zu lesen und mit dem Arzt zu besprechen.

3. Viel Gutes trinken

Meist sind wir viel zu dehydriert. Wenn wir durstig sind, haben wir meist schon zu lange nichts mehr getrunken. Zwei bis drei Liter Wasser oder Kräutertee sind ideal. Wenn möglich, das Leitungswasser filtern.

4. Genügend schlafen

Zu wenig oder schlechter Schlaf ist wahrscheinlich wesentlich schlimmer als bisher angenommen. Ein gutes Buch dazu: „Jeder Mensch kann schlafen lernen“ von Shawn Stevenson. Bei der CFS Erkrankung ist es allerdings nicht so leicht, wie der Titel sagt. Das ist ja gerade das Dilemma.

Trotzdem oder gerade deshalb ist es wichtig, auf genügend und guten Schlaf zu achten. Gute Tipps dazu findest du in dem Buch.

5. Unnötigen Stress vermeiden

In dem Artikel über den Vagus-Nerv liest du, wie viel Unheil starker Stress anrichten kann. Ob chemischer, biomedizinischer, nervlicher oder mentaler Stress. Ein bisschen Stress gehört zum Leben dazu. Viel Stress macht uns krank. Deshalb ist Stressvermeidung auf mehreren Ebenen eine Grundvoraussetzung für vitales gesundes Leben.

Chemischen, biomedizinischen Stress vermeiden. Dazu gehören verarbeitete Lebensmittel, unreines Leitungswasser, Umweltgifte, chemische Reinigungsmittel, und ganz viel andere gemeine Stoffe, die unseren Körper in einen Alarmzustand versetzen. Genauso auch Allergene, die eigentlich nicht giftig sind, aber auf die unser Körper mittlerweile mit Abwehrhaltung reagiert. Stress pur.

Nervlichen und mentalen Stress vermeiden. Es ist fasynierend, wie stark Geist und Materie zusammenarbeiten. Ist der Geist gestresst, geht auch die Materie in Alarmbereitschaft. Stichwort Psychosomatik. Bei ME/CFS können schon die kleinsten Signale schmerzhaften Stress auslösen. Zu helles Licht, aggressive Musik, hitzige Diskussionen. Alles nicht gut für die Nerven.

  • Genauso auch „laute“ Gedanken, die uns in Alarmbereitschaft versetzen.
  • Aufgaben, die wie ein Berg für uns wirken.
  • Sorgen, die uns weitere Stunden Schlaf rauben.
  • Themen, die uns momentan mehr aufregen als gut tun.

Je mehr Stress wir während unserer chronischen Erschöpfung vermeiden können, umso besser.

Bei gesunden Menschen würden diese Maßnahmen oft schon ausreichen. Aber wie gesagt – beim chronischen Fatigue Syndrom haben diese ganzen Fehlfunktionen das Nervensystem bereits so sehr geschädigt, dass wir weitere Maßnahmen ergreifen müssen.

Laut meiner Recherchen kann die Chance auf Verbesserung oder gar Genesung stark ansteigen, wenn wir als Betroffene es zu unserer obersten Priorität machen, in unsere Gesundheit zu investieren. Wenn wir nicht nur ein bisschen hier und da verändern, sondern zu den oberen Basismaßnahmen weitere Zeit und Energie in diese zweite und dritte Kategorie investieren.

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Zweite Kategorie:

Gehirntraining und Vagusnerv triggern

Du erinnerst dich? Der defekte Vagusnerv ist wie eine herausgesprungene Sicherung. Die oberen Maßnahmen sind wie Geräte, die wir nun vom Netz genommen oder zumindest die Spannung reduziert haben. Das ist schon mal gut, aber dadurch springt die Sicherung nicht wieder rein.

Also braucht es weitere Maßnahmen, damit der Vagus anschließend wieder vernünftig arbeitet und die Energie und Spannung „im Haus“ kontrolliert.

Medizinisch spricht man hier von Vagotonie oder auch Vagustonus. Es bezeichnet den Zustand, wenn das vegetative Nervensystem wieder ins Gleichgewicht kommt und der Parasympathikus die Hauptrolle spielt. Anders ausgedrückt: Wenn die Sicherung wieder reingedreht ist.

Bei der Sicherung im Haus ist solch ein Vorgang eine Sache von fünf Sekunden. Die CFS-Sicherung braucht länger. Wahrscheinlich auch verschiedenste Versuche. Es gibt zu diesem Thema die unterschiedlichen Ansätze.

Manche Ansätze werden zurecht sehr skeptisch betrachtet. Da gibt es zum Beispiel LP – den Lightning Process. Eine Therapie, die von einem CFS Betroffenen entwickelt wurde und laut eigenen Aussagen und auch Erfahrungsberichten gute Ergebnisse bringt. Allerdings hat diese Therapie zurecht auch viele Gegenstimmen, weil sich der Zustand bei anderen Teilnehmern erheblich verschlechtert hat. Deshalb ist diese Therapie nach meinem Verständnis nicht ratsam.

Dan Neuffer war ebenfalls für viele Jahre an ME/CFS erkrankt und hat seine eigene Therapie entwickelt, die er als Online-Kurs verkauft. Genauso bieten auch andere ehemalige CFS-Betroffene und jetzt Geheilten ihre Erkenntnisse und Praktiken als Kurs oder Service an.

Momentan bin ich noch am Anfang dieser Entdeckungsreise. Deshalb hier nur die ersten Maßnahmen, die du und ich heute schon umsetzen können. Ganz ohne Kurs oder Seminar.

Alle vorgestellten Gehirntrainings haben ein ähnliches Ziel: die Erregungen im Gehirn zu reduzieren, sodass die Amygdala, der Vagus-Nerv und das gesamte vegetative Nervensystem wieder im Gleichgewicht sind.

Anders ausgedrückt: dass die Sicherung wieder funktioniert und alle Geräte (Organe) wieder genügend Spannung vertragen und vernünftig arbeiten.

Um diese Spannungs-Verteilung hinzubekommen ist es erstmal wichtig, die Spannung herunterzufahren. Also alles tun, damit der Vagus entspannt ist. Denn nur wenn wir uns wirklich sicher fühlen, wenn wir entspannt sind, wenn wir innerlich beruhigt sind, nur dann kann der Körper sich heilen. Nur dann sind die Selbstheilungskräfte aktiv.

Weil es so wichtig ist, nochmal:
Nur im Entspannungs-Modus kann der Körper sich heilen!
Nur wenn der Vagusnerv aktiv ist, können wir gesund werden!

Eigentlich ist der Mensch so konzipiert, dass er fast immer in diesem Zustand sein sollte. Ein aufregendes stressiges Leben mag sich kurzzeitig kurzweilig anfühlen, aber langfristig ist es ein krankmachender Zustand. Deshalb ist das Ziel:

Innere Ruhe.
Innere Gelassenheit.
Innere Sicherheit.

Hier die ersten Schritte dahin:

Reizüberflutung vermeiden

Weil es so wichtig ist, noch einmal: Um gar nicht erst das Gehirn unnötig zu triggern, sollten wir jeden überflüssigen Reiz vermeiden. Ob Actionfilme, Punkmusik, hitzige Diskussionen oder Themen mit Explosions-Potential.

Alles Dinge, die mich selbst sehr reizen, aber die mir gar nicht gut tun. Genauso eben auch Gedanken und Themen, die mich im jetzigen Zustand nur aufregen. Vielleicht kann ich das später alles noch angehen und genießen, aber jetzt ist Ruhe, Entspannung und Gehirntraining angesagt. (Gar nicht so einfach, weil ich auch gerne mal Punkmusik höre oder einen spannenden Thriller schaue.)

Achtsam wahrnehmen

Anstatt gedanklich bei den Symptomen zu sein oder über die Zukunft nachzudenken, gilt es bewusst in der Gegenwart zu verweilen. Das JETZT ganz wahrzunehmen. Das Bild an der Wand, die Vögel im Garten, ja vielleicht sogar die Symptome. Aber anstatt über die Symptome nachzudenken oder zu stöhnen, nehme ich sie einfach nur wahr. Akzeptiere sie.

Genauso kann ich auch meine Gefühle und Gedanken wahrnehmen, ohne sie zu bewerten oder mich von ihnen einnehmen zu lassen. Als würde ich von einer anderen Perspektive auf meine eigene Situation und Innenleben schauen und beobachten. Ohne zu bewerten. Einfach nur wahrnehmen.

Meditieren

Die Achtsamkeit kann so viele Farben und Formen annehmen. Zum Beispiel in der Meditation. Andere Synonyme für den Begriff Meditation sind „sich konzentrieren“ oder „in sich gehen“. Und darum geht es. Also nichts (für mich) esoterisches oder religiöses, sondern einfach nur eine bewusste Beruhigung des Geistes.

Zum Beispiel, indem wir uns auf den eigenen Atem konzentrieren, in Gedanken einen Body-Scan durchführen oder einer geführten Meditation lauschen. Im Grunde geht es immer darum, die Gedanken und den Geist zu beruhigen und bewusst zur Ruhe zu kommen und in dieser Ruhe für eine Zeit zu bleiben. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Eine Wohltat für den Vagus.

Aufregungen ausgleichen

Die augenscheinlich harmlosesten Situationen oder Gedanken können uns CFS Betroffene stark aufregen. Um die Grund-Erregung des Vagus niedrig zu halten, kann ich in solchen Situationen bewusst entgegen steuern.

Wenn ich also innerlich besonders aufgeregt bin, atme ich bewusst und langsam in den Bauch. Fange an zu summen. Schiebe eine 5-minütige Meditation ein. Oder beruhige mich sonst irgendwie.

Binaurale Töne und Entspannungsmusik

Musik und Töne haben enormen Einfluss auf das vegetative Nervensystem. Sie können das System erregen oder entspannen. Durch ruhige entspannte Hintergrundmusik können wir den Vagus-Nerv beruhigen und in ein Gleichgewicht bringen. Binaurale Töne sind dabei hervorragend geeignet, weil sie den Nerv zwingen, die unterschiedlichen Frequenzen zwischen dem rechten und linken Ohr auszugleichen. Dadurch schafft der Vagusnerv ein Gleichgewicht und wird dabei entspannt.

Massieren

Auch verschiedene Massagen tun dem Nerven gut. Besonders auch das Massieren des Nackens und der Halswirbelsäule oben am Nacken. Denn dort verläuft ja der Vagusnerv entlang. Streicheleinheiten tun ihm sehr gut.

Summen

Bewusstes Summen tut uns gleich zweierlei gut. Zum einen ist Summen ein hervorragender Trigger für den Vagus-Nerv. Als würden wir ein Baby tröstend in den Schlaf singen, so beruhigt sich auch der Nerv durch unser Summen. Je tiefer die Frequenz, desto besser. Gleichzeitig glaubt das Gehirn dadurch, dass wir gute Laune haben. Und produziert noch mal extra Portionen Beruhigungshormone.

Singen

Singen fördert den Vagus gleich zweierlei. Erstens beruhigt es den Nerven auf biologisch-körperlicher Ebene, weil er beim Ausatmen beruhigt wird. Gleichzeitig löst Singen tolle chemische Prozesse aus.  Glückshormone wie Serotonin und Endorphine werden freigesetzt und versetzen uns in einen entspannteren Zustand.

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Dritte Kategorie:

Vagus und Amygdala neu programmieren

Dr. Eva Detko ist nicht nur eine Expertin auf dem Gebiet des autonomen Nervensystems. Selbst an CFS und Fibromyalgie erkrankt, ist sie heute wieder ganz hergestellt und kann aus eigener Erfahrung plus eigener Praxis berichten. In einem Gespräch auf der „Fatigue Superconference“ spricht sie über die Notwendigkeit, den Vagusnerv und das autonome Nervensystem neu zu programmieren.

Ja, die vielen sogenannten Biohacks (wie oben einige genannt) sind hilfreich und können schon viel bewirken. Je dysfunktionaler jedoch das autonome Nervensystem ist, desto intensiver braucht es auch wieder eine Umprogrammierung. Da reicht es nicht aus, ein bisschen zu summen und zwischendurch leise Klaviermusik zu hören.

Es ist wie bei einem PC, der von einem Virus befallen wurde. Je mehr Schaden der Virus angerichtet hat, desto intensiver die Reparatur.

Bei den folgenden Maßnahmen greifen wir also die tiefen Wurzeln des Übels an. Es geht darum, den Vagusnerv an den tiefen Stellen neu zu programmieren. Denn nur dann sind auch die Resultate nicht nur oberflächlich und kurzfristig, sondern langfristig und tiefgehend.

Erst wenn das autonome Nervensystem wirklich stabil und gesund funktioniert, kann das System starke Spannungen aushalten, anstatt bei kleinen Überspannungen (Stressauslösern) schon aus der Sicherung zu fliegen.

Traumata aufarbeiten

Nein, CFS ist keine Depression und auch keine posttraumatische Störung. Und doch können starke Stress-Erlebnisse eines der Faktoren sein, die das vegetative Nervensystem zum Absturz brachten.

Manchmal ist das Trauma selbst der letzte Auslöser gewesen. Meistens hat solch ein Trauma aber den Weg geebnet, um anschließend bei einem Infekt ganz aus der Sicherung zu fliegen. Welche Reihenfolge es auch ist – unverarbeitete innere Blessuren haben den Vagusnerv zumindest beschädigt und tragen zum jetzigen Krankheitsbild bei. Und dabei ist es im Grunde egal, wie „schlimm“ das Erlebnis tatsächlich war. Viel wichtiger ist, wie schlimm es wahrgenommen und gespeichert wurde.

Dem Gehirn ist es schließlich egal, ob etwas wirklich bedrohlich ist oder die Situation nur als Bedrohung eingestuft wird. Das autonome Nervensystem reagiert in beiden Fällen genau gleich. Es nimmt eine Bedrohung wahr, reagiert erregt und es kommt zu einer sogenannten emotionalen Toxizität.

Das kann sich in punktuellen Stressreaktionen zeigen, und zwar immer wenn der entsprechende Auslöser wahrgenommen wird. Oder es kann auch chronisch werden, sodass wir bewusst oder unbewusst chronische Furcht empfinden. Chronische Scham. Chronische Schuld. Geringes Selbstwertgefühl. Ständige Angst. Chronische Überforderung.

Deshalb ist es auf jeden Fall hilfreich, sich mit professioneller Hilfe solche Erlebnisse und Verletzungen einmal anzuschauen und aufzuarbeiten.

Vielleicht hat es aber auch gar kein einmaliges Ereignis gegeben, sondern eher viele kleine Traumata, die nun als viele kleine Stressauslöser im Gehirn abgespeichert sind.

Ob ein großes Trauma oder viele kleine – oft sind wir uns gar nicht bewusst, ob und welches Trauma wir erlebt haben. Gleich zwei gute Nachrichten dazu:

  1. Es ist gar nicht so wichtig, die auslösenden Traumata zu kennen. Sie lassen sich trotzdem mit neuen neurowissenschaftlichen Methoden verarbeiten.
  2. Es braucht nicht (immer) eine Psychotherapie oder eine andere Art von längerer Gesprächstherapie. Sowohl Dr. Detko als auch Servan-Schreiber (und sicher viele andere ebenfalls) erzählen von tollen Ergebnissen, die innerhalb weniger Sitzungen auftreten.

Mögliche Therapien sind zum Beispiel EMDR, EFT-Methode oder Havening-Therapie. Und eben die Therapien, die von geheilten CFS Betroffenen entwickelt wurden. Zum Beispiel der Lightning Prozess oder das Gupta-Programm.

Positive Emotionen fördern

Bei jedem Gefühl, das uns in den Zustand von Kampf, Flucht oder Starre versetzt, wird der sympathische erregbare Nerv aktiviert und der Vagusnerv bleibt ruhig. Gar nicht gut für uns.

Deshalb ist es wichtig, dass wir uns so oft wie möglich sicher und wohl in unser Haut fühlen. Am besten zusätzlich noch fröhlich, gelassen oder fasziniert. Jedes positive Gefühl ist förderlich.

Dr. Joe Dispenza spricht von kreativen Emotionen und Überlebens-Emotionen. Die kreativen Emotionen aktivieren den Selbstheilungsprozess, sie erschaffen (kreieren) neue gesunde Zellen. Die Überlebens-Emotionen bringen uns in einen Zustand von Flucht, Kampf oder Erstarrung.

In allen drei Zuständen geht es nur darum, zu überleben. Gesundheit ist in diesem Zustand unterste Priorität. Es geht ums Überleben.

Überlebens-Emotionen sind Zweifel, Angst, Ärger, Unsicherheit, Sorge, Verurteilung, Gier, Depression, Scham, Schuld, Feindseligkeit oder Konkurrenz.

Immer, wenn diese Emotionen im Körper das Sagen haben, befinden wir uns im Überlebensmodus. Flucht, Kampf oder Starre ist angesagt. Gesundung ist in dieser Zeit kein Thema. Deshalb sollten wir diese Emotionen so oft wie möglich herunterdrehen.

Zwei Stichpunkte für das Reduzieren der Überlebens-Emotionen: Gedankenhygiene und Medien-Diät. Genau wie wir auch bei der Ernährung darauf achten, was wir in den Körper lassen, so sollten wir es auch mit unserem Geist tun. Nur Gutes reinlassen (Gedankenhygiene) und Vergiftendes ablehnen (z.B. indem wir alle krankmachenden News und Medien weglassen). Genauso wichtig kann es aber auch sein, toxische Menschen im Leben zu meiden. Sozusagen Entgiftung auf geistiger Ebene.

Kreative Emotionen sind Dankbarkeit, Liebe, Ermächtigung, Präsenz, Freude, Inspiration, Vertrauen, Frieden, Ganzheit, Fasynation.

Je öfters und intensiver wir diese Emotionen spüren, desto stärker wird der Vagusnerv positiv getriggert und die Selbstheilungskräfte aktiviert.

Also ran an die guten Gefühle. Die Möglichkeiten dafür sind lang. Zum Beispiel durch

  • bewusste Achtsamkeit,
  • tägliche Dankbarkeitsübung,
  • Fixieren auf das Fasynierende,
  • Meditation, Atemübungen oder Qigong,
  • Einüben von gesunden Glaubenssätzen,
  • sich an das Schöne im Leben erinnern,
  • alles was uns schöne Emotionen beschert.

Mein Fazit

Ich will ehrlich sein – einiges von dem hier beschriebenen setze ich schon seit Jahren um. (Neben Gesprächstherapie habe ich allerdings noch keine andere Therapie für ME/CFS oder auch keine Traumatherapie durchlaufen).

Trotzdem geht es mir heute (Frühjahr 2021) körperlich schlechter denn je. Die Sicherung scheint immer noch nicht wieder reingedreht zu sein.

Vielleicht habe ich etwas Wichtiges übersehen?
Vielleicht eine der Dinge nur halbherzig gemacht?
Vielleicht ein bestimmtes Trauma doch noch nicht verarbeitet?
Vielleicht liegt die ME/CFS Ursache bei mir aber auch ganz woanders?

Ich weiß es nicht.

Deshalb war ich vor einigen Monaten auch besonders deprimiert. Aber ich will nicht aufgeben. Will weitersuchen und so lange an den „Schrauben“ drehen, bis die Sicherung wieder „reingedreht“ ist.

Ob meine ME/CFS Symptome dadurch je wieder verschwinden oder ich weiterhin (mehr als nur) chronisch erschöpft sein werde, weiß ich nicht.

TROTZDEM.

Trotzdem sind diese ganzen Maßnahmen unbedingt wertvoll.

Weil diese Übungen meine Lebensqualität JETZT schon erheblich erhöhen.

Weil ich dadurch heute schon, trotz der Krankheit, mehr Gelassenheit empfinde.

Weil ich mich dadurch unabhängiger von ME/CFS mache und merke, dass ich nicht nur als gesunder Mensch ein wertvolles Leben führen kann.

Deshalb bin ich selbst überzeugt von den Maßnahmen. Und will sie unbedingt auch weiter praktizieren. Wenn ich es auch nicht zu jeder Zeit schaffe.

Nach meinem letzten Rückfall im Herbst 2020 war ich so frustriert, dass ich einfach nur aufgeben wollte. Warum jetzt wieder dieser Rückfall nach all meinen guten Maßnahmen? In meiner Geschichte kannst du etwas von diesem Frust lesen. Für mehrere Monate habe ich einfach nur noch meinen Schmerz heraus geschrieen und die Gesundheit dafür angeklagt dass sie mich verlassen hat.

Und solches Klagen und Stöhnen darf sein. Muss sein. Sich immer nur ein schönes Leben einreden und mental die Scheiße zu Sahne schlagen ist auch nicht die Lösung.

Nun weiß ich nicht, wie es dir gerade geht. Ob du dich gerade als Kläger oder als Kriegerin fühlst. Beides hat seine Zeit. Beides ist wichtig.

Für die Zeit des Weiter-Kämpfens findest du zum Schluss noch ein paar hilfreiche Bücher und Websites, die mir selbst weitergeholfen haben.

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6 Kommentare

  1. Super Artikel!
    Hat mir beim Lesen sehr gefallen und ich konnte mich auch gut wiederfinden (selbst sehr schwerer ME Fall, <5%)

    Ich kenne die Theorien und auch verschiedene Programme schon und so fügt sich dieses Wissen gut in den Text ein ohne dass er überfordert oder langweilig wäre auch wenn man einiges schon kennt 🙂

    Etwas schmunzeln (absolut nicht böse oder fies gemeint) musste ich beim Absatz der Erwähnung dass dir die ganze Achtsamkeit und Meditation im Genesungsgeschehen noch nicht so wirklich weiter geholfen hat, außer vmtl die Akzeptanz und subjektive Lebensqualität zu steigern.
    Schmunzeln deshalb weil es mir genauso ergangen ist .. ich war achtsam, habe meditiert, habe Gupta gemacht, Mantras und binauralen Tönen gelauscht und mir ging es immer schlechter und schlechter (bin in der Zeit von 50% über paar Monate auf 2-3% runter)

    Die Polyvagaltheorie macht viel Sinn für mich und auch Gupta hörte sich richtig an .. umso enttäuschter ist man irgendwie dass es einem persönlich (krankheitstechnisch und energietechnisch) nicht hilft!

    Viele liebe Grüße
    Samuel

    1. Vielen Dank, Samuel, für deinen tollen Kommentar. Dass du dir diese Zeit und Kraft dafür genommen hast schätze ich sehr. Total interessant, dass du ähnliche Erfahrungen gemacht hast bzw. machst.
      Polyvagaltheorie, Binaurale Töne, Mantras – alles ist mir ebenfalls sehr bekannt. Bei mir steht momentan eine große Zahnsanierung an, weil die hohen Verwesungsgifte im Mund wohl eine große Blockade sein kann, dass alles andere nicht fruchtet. Hast du damit auch Erfahrung gemacht?
      Liebe Grüße, so von Bett/Couch zu Bett/Couch,
      Johannes

      1. Habe ich gerne verfasst 🙂
        Ich habe nicht gemerkt dass du so schnell geantwortet hattest, vielleicht wäre eine Info via angegebener Mailadresse sinnvoll?
        Oh ich hoffe keine Verwesungsgifte bei meinen Zähnen vorzufinden, bzw. Naja, zumindest noch nicht! Momentan wüsste ich nicht wie ich einen Zahnarzttermin, geschweige denn eine Behandlung, überstehen sollte. Ich habe seit bald 5 Monaten das Bett nicht mehr verlassen und würde vmtl auch in einem Rollstuhl nach kurzer Zeit kollabieren ..
        Desto tiefer man ist desto weniger Hilfe kann man aus der normalen Welt noch verarbeiten. Aber das kennst du ja auch.

        Ich finde es wirklich schade mich nicht weiter mit Meditation und bestimmten Tönen beschäftigen zu können (alles zu belastend für mein Hirn, anscheinend ist stilles lesen und am Handy tippen für kurze Zeiten noch das Erträglichste), weil ich diesen „Knacks“ in der Steuerung meines Nervensystems deutlich gespürt habe und überzeugt bin dass es nicht mehr ordentlich arbeitet.
        Allerdings glaube ich auch nicht im sympathischen fight or flight mode festzuhängen, da ich doch meistens relativ entspannt bin und auch gut schlafen kann.
        Eher scheine ich vom parasympathischen ventral vagal direkt in den freeze mode zu springen, in dem einfach gar nichts mehr geht und der Körper und Geist wie gelähmt sind.
        Jedenfalls ist die Resilienz des Systems gegen null gefahren worden und ich habe noch keinen Weg gefunden es zu bessern.
        Medikamente können ein wenig beruhigen und „abstumpfen“ aber das löst ja nicht das Problem.
        Meine Hoffnung ist eigentlich mit der Zeit weniger sensibel zu werden um wieder mehr aktive Übungen durchführen zu können.
        Oder ich bleibe stuck forever 🙁

        Jedenfalls viele liebe Grüße zurück und viel Erfolg bei den Zähnen und Alles Gute

        1. Das ist echt so gemein mit dem defekten Nervensystem und dem Freeze-Modus. Tut mir total leid, dass es dir auch so schlecht geht. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass deine Hoffnung sich bestätigt und du irgendwann wieder die Übungen machen kannst und es dir besser geht.
          Deine Reaktion wegen der Zähne kann ich so gut nachvollziehen. Hätte mir jemand vor einem Jahr dasselbe gesagt, hätte ich ähnlich reagiert. Der „riesige Berg“ wäre viel zu hoch gewesen. Auch jetzt bin ich noch gespannt, wie mein Organismus das verträgt. Auch dir alles Gute!! Übrigens schreib ich gleich noch mal eine persönliche E-Mail.

  2. Ich konnte mich in diesen beiden Berichten komplett wiederfinden.

    Vielen Dank für die Erklärungen , Aufschlüsselungen und Hoffnung und Zuversicht.